Capri. Da capo

Abenteuer und reisen (02/06/2002)

Alle waren auf Capri. Nur einer nicht: Johann Wolfgang von Goethe. Das Schiff, mit dem er am 30. März 1787 (,'Ich hatte doch dieser herrlichen Ansichten nur Augenblicke genießen können, die See - krankheit überfiel mich bald") und nochmals am 16. Mai 1787 an der Insel der Dichter und Liebenden vorbeisegelte, hätte bei der zweiten Passage an den schroffen Felsen beinahe Schiff - bruch erlitten. Deshalb ging Capri in Goethes "Italienische Reise" als die gefährliche Felseninsel" ein. Er war "heilfroh, sie hinter sich zu haben". So hat jener das Idealbild Italiens verpasst. Eines, das später für Mode steht, für Lifestyle und High Society. Doch halt! Ehe wir zu Sophia Loren. Jane Mansfield, Brigitte Bardot und der Erfindung der Capri -Hose kommen, müssen wir klären, wem der nur zehn Quadratkilometer kleine Felsen seinen Aufstieg zur magischen Insel verdank Nicht Stars und Sternchen waren die Erschaffer der Legende, sondern der eher unbekannte romantische Dichter und Hobbygeologe August Kopisch, der Verfasser des Gedichts "Die Heinzelmännchen zu Köln". Wie alle Romantiker war auch er auf der Suche nach Inspiration. Blau als Ausdruck der Sehnsucht, Unendlichkeit und auch des Todes. Er war hingerissen vom brillanten Azur des Meeres. Und er hörte die Erzählungen der Capri-Fischer über eine Höhle, in der Sirenen und Ungeheuer hausen sollten. Der kühne Schwimmer ließ sich deshalb eines Sonntags im Jahr 1826 von den Wellen geradewegs in die Blaue Grotte hineintreiben und gilt seither als ihr Entdecker. Mit der Grotta Azurra und den Romantikern schlug die Geburtsstunde des Capri-Tourismus. Die Capresen verneigen sich vor ihrem germanischen Entdecker mit einer Gedenktafel auf der Piazzetta, dem legendären kleinen Platz des Hauptorts Capri. Das Plätzchen mit drei hübschen Cafés ist in der Folge der Romantiker zum Treffpunkt einer Capri-Bohème geworden, die aus der ganzen Welt zum Überwintern auf die Insel kam. Mancher unter ihnen hielt sich schon für einen Künstler, nur weil er auf der magischen Insel wohnte. Kein Wunder, denn WO immer man einen ihrer Aussichtspunkte erreicht, könnte man geradezu verrückt werden vor Glück. Die Sinne öffnen sich für einen von Menschenhand modellierten mediterranen Paradiesgarten. Da liegt das Städtchen Capri an den Monte San Michele geschmiegt, als hätte man es den Göttern in den Himmel hängen wollen. Blickt man in die andere Richtung, den Berg hinab, sieht man Zitrusgärten und sonnensatte Flora. Mitten durch die Szenerie rattert die berühmte Funicolare, die kleine Zahnradbahn. Das wolkenlose Blau des Himmels überspannt die beiden edelsten Insel-Einkaufsstraßen Europas, die Via Camerelle und die Via V. Emanuele. Wer in den traditionellen Schuhwerkstätten, den Edel-Boutiquen, Gefühlsräurnen für Kaschmir und Alta Moda, den Parfümerien mit all den floralen Capri-Düften oder bei Ferragamo, dem alteinge - sessenen Modetempel, nicht schwach wird, verliert spätestens in der Eisdiele "Buonacore" die Fassung. Dann ist er auch schon dem nostalgischen Flair nahe, das Capri anscheinend in 50 -Jahre- Rhythmen immer wieder zur Trendsetterin macht. In den 50 waren es Hollywoodstars und die Neureichen der Wirtschaftswunderzeit, die es der Welt vorlebten. Sexsymbol Jane Mansfield mit Dreiviertelröhren an den langen Beinen in einem Film namens "The In den 50er 60er Jahren waren Wayward Bus" und Audrey Hepburn, die die Capri-Hose mit Twinset und Ballerinas gesellschaftsfähig machte. Capri-Feeling: Das waren die Glanzauftritte von Sophia Loren. Die Göttliche beschwor den italienischen Schick und ließ Capri zum Fixstern für die glamourösen Sehnsüchte einer ganzen Generation werden. Heute zitiert die so genannte Society der Mode und Medienzaren jenen fabelhaften Sommerlebensstil zwischen Capri-Sonne, Zitroneneis und jeder Menge Champagner. Mit den 15.000 Tagestouristen, die auf überfüllten Ausflugsbooten von Neapel aus die Insel stürmen, geht dieses einzig wahre Capri keine Berührung ein. Irgendwie verdünnt sich der Souvenirjägerstrom über die vier Knotenpunkte Marina Grande. Marina Piccola, Capri und die kleinere Dorfschwester Anacapri auch. Jahrzehnte haben diese malerischen Orte die Nordländer aufgenommen und sie mit gemütvoller Grandezza leicht berauscht wieder entlassen. Ohne Risse im Pastell der Villenfassaden und ohne Fraßspuren an der Komposition der Natur. In der Marina Grande liegen blank gewienert in Reih und Glied die nostalgischen Riva-Boote - Mahagoni und Teakholzdecks sind ihr Markenzeichen -, um den Besucherstrom weiter zu verdünnen. Die Bardot im Bikini stellt man sich darin vor mit wehendem Seidenschal, begleitet vom Südamerikaner Porfirio Rubirosa, nach seiner Einschätzung in er war auf Capri. Julia Roberts, Mariah Carey, Harrison Ford, der Ferrari-Chef Luca Cordero de Montezemolo und auch Armani und Valentino treten in nostalgischer Nachfolge jetzt zur großen Celebrity-Show an. Geradezu trotzig oder, wie es in einem Reiseführer heißt, in unbarmherziger Schönheit' bieten die den 60er Jahren der letzte Playboy. Auch Faraglioni -Felsen als gigantische Menhire im herrlichsten Wellenspiel dazu die passende Traumkulisse. Badefelsen, auf denen die Sirenen des Odysseus ihre Lockrufe ausgesendet haben sollen, gehören heute zum Luxuslido Da Luigi. Eintritt und Sonnenschirmmiete kosten ungefähr so viel wie die von den Schönen darunter präsentierte Designer-Bademode. Nonchalant nippt man an seinem Bellini und blinzelt zufrieden über den Rand seiner Gucci-Brille. Auf dem steilen Berg über Capri-Stadt wachen die Ruinen der Villa Jovis und bewahren jene frühre Zeit da Kaiser Tiberius die Insel zum Mittelpunkt seines Weltreichs erklärt hatte. Da ist man also in bester Gesellschaft. Nur vor der Mönchsklause von Certosa mag selbst den Eitelsten eine gewisse Bescheidenheit gegenüber den verschwenderischen Wundern dieser Naturlandschaft befallen. Axel Munthe, Thomas Mann, Graham Greene, Alfred Krupp, Joseph Beuys, Maxim Gorkij, Pavel Kohut, alle waren sie da und vom Wunsch beseelt, etwas zu erschaffen: ein ideales Haus die einen; Romane, Gedichte oder Bilder die anderen. Nur einer hat der Insel ein Leid getan: Rudi Schuricke mit seinem Lied von der Capri-Sonne. Wenn diese immer und immer wieder im Meer versinkt, ist das so grandios, wie es ein Mensch nicht besingen kann. Nehmen wir das Schuricke'sche Fischeridyll so, wie es zu verstehen ist. Einfach nur symbolisch: Dann hat es in der Fantasie der Deutschen die große Sehnsucht nach dem "Land, wo die Zitronen blüh'n" geweckt. Männer fuhren Ford Capri und Kinder lutschten suchthaft an einem orange-gelben Wassereis gleichen Namens. Jule Reiner